Am Samstag war wieder mal die Strömungsmechanik-Zulassungsklausur. Vier Stunden Fluid-Mechanik. Wer sie schafft, darf die eigentliche Klausur schreiben. Aber irgendwie hab ich da ne Blockade – ich raff' es gerade einfach nicht. Und so bin ich nicht hingegangen – sondern hab lieber angefangen, für die Mathe-Prüfung in zwei Wochen zu lernen (Caro macht Druck – gut so!).

Caro war den ganzen Tag in der Hochschule und hatte ein extra Samstags-Seminar in Englisch. John war also bis zum Nachmittag allein. Ich bin rund um 15 Uhr in die Badewanne bei mir zu Hause gestiegen. Nach einer Weile klingelte es an der Tür – und lauter Mädels kamen zu Jamie. Und es klingelte immer wieder an der Tür.

Irgendwann rief Jamie, er glaubt, John kommt. Gut. Ich wasch' mir also noch schnell die Haare, trockne mich ab – und geh in mein Zimmer, um mich anzuziehen. Mittlerweile sitzt John bei mir in der Küche - und ich gehe nur kurz rüber, in Unterhose und Shirt, um ihn zu begrüßen. Aber er war überhaupt nicht gut drauf, rot im Gesicht, keine Ahnung, was mit ihm los war. Jamie hat ihm schon einen Whiskey hingestellt. Und das schon am frühen Nachmittag? Also fragte ich, was denn los sei. Tja – es wird eine längere Geschichte.
John schläft ja gerade bei Caro im Zimmer, einem kleinen Zimmer im Dachgeschoß in der Straße um die Ecke. Wir waren alle um 16.30 Uhr verabredet – denn dann hatten wir alle wieder Zeit.

John ist natürlich schon morgens aufgewacht - und wollte einfach auf die Toilette. Er ging zu Tür, drückte den Türdrücker - aber nichts passierte. Der Türdrücker drehte frei - er konnte ihn also einmal rundherum drehen – aber die Tür blieb zu. Hmmm. Er hat es wieder und wieder probiert – aber aus unerklärlichen Gründen war der Drücker kaputt. Die Tür blieb zu – und John war eingesperrt. Aber er muss doch auf die Toilette. Na gut. Er hat zwei Stunden gewartet, immer mal wieder probiert, ob die Tür doch irgendwie aufgeht - aber nichts passierte. John war ratlos. Sein Handy war zwar im Zimmer, aber natürlich hatte er kein Guthaben mehr. Auch das noch. Dann ist er zum Fenster gegangen – ist fast aufs Dach gestiegen – und hat nach Leuten auf der Straße geguckt.

Da kamen aber nur vier Leute in der ganzen Zeit. Von oben hat er auf Deutsch mit irischem Akzent "Hilfe! Ich habe ein Problem!" gerufen – immer wieder. Dabei saß er auf dem Fenstersims – und sah wohl auch so aus, als würde er Hilfe brauchen. Naja, von den vier Leuten haben drei zu ihm aufgeschaut, ihn angeguckt – und sind einfach weitergegangen. Der Vierte rief ihm wenigstens zu, er solle doch einfach wieder reingehen. Seltsam. John dachte, es würde wenigstens jemand die Polizei oder Feuerwehr rufen. Aber nichts passierte. Niemand half. Niemand hat auf seine Hilferufe aus dem Fenster reagiert – sie haben alle nur geguckt. Unfassbar.

Was, wenn Feuer in der Wohnung gewesen wäre?
Zimmertür zu. Auf die Toilette müssen. Handy geht nicht. Niemand hilft, alle gucken nur und rennen weiter. Was nun tun?
John hat sich dann entschlossen, die Zimmertür einfach einzutreten. Mit drei gezielten Tritten hat sich die Tür geschlagen gegeben – und John konnte durch das Loch kriechen... Er war frei. Endlich. Nach vier Stunden. Bis zum Nachmittag hätte er es wohl nicht ausgehalten. Nun ist die Tür kaputt – aber eigentlich ist alles gut.
Wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass so ein Türdücker ausfällt? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass er genau dann ausfällt, wenn John in Deutschland ist, bei Caro im Zimmer schläft, niemand anderes da ist?

Aber am bemerkenswertesten ist wohl, dass die vier Leute auf der Straße überhaupt nichts getan haben. Da sitzt jemand auf dem Fenstersims, ruft um Hilfe. Und sie sind nicht stehen geblieben, sie haben nicht auf Hilferufe reagiert, nicht die Feuerwehr oder die Polizei gerufen – sie sind einfach teilnahmslos weitergegangen. Das macht mir Angst.
Jetzt, Stunden danach, kann John auch schon wieder lachen. Gut so. Am Ende ist auf jeden Fall eine einmalige und lustige Geschichte.
hallo rico,
AntwortenLöschenmir ist das gleiche am heiligabend bei meinen eltern passiert, auch dort hat der türgriff versagt, ohne dass die tür abgeschlossen war. allerdings war ich nicht vor dem klo, sondern im klo eingesperrt. ich konnte also weder verdursten noch innerlich zerbersten....
allerdings hat es auch knapp 90 min gedauert bis jemand meine rufe gehört hat, da meine eltern friedlich mittagsschlaf im anderen stockwerk gemacht haben...
vielleicht hat john ja lust mit mir eine selbsthilfegruppe der eingesperrten zu eröffnen?
auf jedenfall hat mein papa jetzt sämtliche türgriffe im haus ausgewechselt....
matthias
Matthias, bin ich ich bin nicht allein in dieser Erfahrung froh, obwohl es ist eine Quelle der großen Verlegenheit und der Stimmung….es tatsächlich, wenn es dir geschieht, ist, muß etwas angeborener menschlicher überleben Instinkt gegen herauf… einen Selbst - Hilfe Gruppe ist eine große Idee… wie über das Nennen es den „Anfänger Houdinis“ - in der Ehre des späten großen escapologist Harry Houdini ja verriegelt sein dort sein ziemlich furchtsam.
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